Sonntag, 7. November 2010

Frau Stefanie Herings Gespür für das Echte in der Kunst


Diese Kuratorin aus Berlin ist ganz von seiner Art. Auch wenn sie genau genommen keine Kuratorin ist und nicht wirklich in Berlin. Aber der Kunstsoldat mag ihr außergewöhnlich gutes Verhältnis zu wahrer Kunst. Ein absolut faszinierendes Weiberfiber. Unglaublich, wie pathetisch sie selbst bei einer mittelprächtigen Arbeit werden kann. Ohne auch nur ansatzweise naiv zu wirken.

Die Arbeiten des Kunstsoldaten, sagt sie, verfügten über eine tiefe, persönliche Bedeutungsebene. Seine Meditationen im Bereich der Raumwahrnehmung setzten eine tiefe Selbstreflexion voraus und bildeten eine Parallele zu seinen persönlichen Grenzen. Sind die Grenzen, die sich in uns befinden, fragt sie äußerst gewinnend das äußerst transparente Kunstpublikum, vergleichbar mit der durchsichtigen, zu durchquerenden Kammerwand? Oder sind diese Grenzen virtuelle Produkte unserer inneren Vorstellungen, die wir durch tiefe Selbstbesinnung auflösen könnten? - Und wie sie es versteht, die verschiedenen Dekontextualisierungen des Künstlers hervorzuheben. Ferner auch seine verschiedenen Rekontextualisierungen sowie die hier entwickelten, stets verstörend wirkenden Formen der künstlerischen Selbsttherapierung. Am Ende ein perfektes "Ich danke für ihre Aufmerksamkeit" und anhaltender Beifall eines mindestens virtuell begeisterten Publikums.

Diese Frau geht tief. Für den Kunstsoldaten symbolisiert sie die Forderung eines Neubeginns der Kunstrezeption jenseits oberflächlicher Kunstbetriebsamkeit. Dass sie nach ihrem eindrucksvollen Auftritt unvermittelt wieder abgetaucht ist, drei Hotels der gehobenen Preisklasse anwies, die von ihr verursachten Übernachtungskosten mit dem örtlichen Museum für Gegenwartskunst zu begleichen, schmälert keinesfalls ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten. Auch wenn sie angeblich in diesem Museum nie vorstellig geworden ist, hätte sie es immerhin tun können. Hätte dieser angeblichen Kultureinrichtung professionell zeigen können, wo es kunst- und tiefenheoretisch lang zu gehen hat. Wahre Kunstkennerschaft findet ihre Anerkennungsmotive in sich selbst, nicht in irgendwelchen läppischen Hotelrechnungen.

Dass dann auch noch im Feuilleton der örtlichen Presse verbreitet wurde, die Frau hätte einen leicht "ungepflegten Eindruck" gemacht und leide zudem an einer "Wahrnehmungsstörung", ist ein weiterer Beweis für das nahende Ende der sich derzeit noch an komplett verkennender Arroganz festhaltenden Kunsthofgesellschaft.

Montag, 11. Oktober 2010

Event der Schattenhirsche


Event, eventuell, eventuell extrem eventuell.
Funken-Event, Event-Funken. Feuerwerk aus Formen und Linien, Hawaiiblumen, Edelweißblüten. Du hast mehr davon und bist gestimmt. Du machst Bilder davon und brauchst nicht mehr in die Südsee zu fliegen. Vor allem unterhalten, und nicht überfordern. Plagiate-Event, Event-Plagiate. Du kannst nichts dagegen haben. Wir wissen doch, dass es mehr ist als Lifestyle-Fußnote. Zitieren und Selbstreflexive im regelrechten Exzess aufgehen lassen. Und dabei trotzdem äußerst epigonal innovativ sein. Die Mechanismen und die Symbolik kennen, und dann auch mal mit Lust und Witz zum Kern vorstoßen. Impuls-Event, Event-Impuls. Die Welt immer wieder anders sehen, nicht erstarren, in Konventionen und so weiter. Wir haben es mit circa 500 Arten von Weltwidersprüchen zu tun, und ein fesches Hütchen ist meiner Aufmerksamkeit nicht abhold. Funken sollen sprühen, ich will mich überraschen, eventuell auch dich überraschen. An den Türen kontrollieren scharfe Frauen und Männer, und dadurch quillt lecker die Widerspruchswelt. Aber schön eins nach dem anderen. Herr Bernhard sagt, der Eventtourist ist nachfolgender Schatten der involviert handelnden Stelzvögel und Trophäenjäger zweiter Ordnung.
Ich sage, wo ich empfinde, gibt es immer was zu sehn.

Sonntag, 26. September 2010

Ein Blick zurück auf die Jahre der Leere



Voids.
Nur eins hat die ästhetische Wahrnehmung des Westzonalen mehr geprägt als die Leere in den Fensterauslagen Ostberliner Läden zu Zeiten der DDR: Die Rückreise zu den vollen Konsumtempeln des Westens. Und nun der Tag der Deutschen Einheit, der eben weder ein Tag der Leere noch ein Tag der Fülle ist, sondern als Einheit bestenfalls ein Tag des Durchschnitts.
"Lasst leere Landschaften entstehen",
das wäre wohl sehr schön gewesen. Diese Schärfung der Sinne, dieses fantastische Gefühl, jedes Mal in einen offenen Raum zurückkehren zu können, schwerelos und unbelastet mit allen Möglichkeiten, sich etwas auszudenken oder nicht auszudenken. Stattdessen verdichtete Fertiglandschaften mit fülligen Windrädern überall, die zigtausend grell beleuchteten Konsumtempeln, alles neu gemacht, die gewünschte regenerative Verschwendungsernergie liefern. Kein amerikanischer Freund mehr, der Dinge der Hoffnung über die Grenze bringt. Keine Hoffnungskontrolle mehr, die die amerikanisierten Sehnsüchte hoffentlich überwacht. Kein antiamerikanisches System mehr, das Hoffnungen plant und plant und, wie es sich eben für ein richtiges Hoffnungssystem gehört, nie erreicht. Jetzt haben die Vielbedienten all das viele Zeugs, nur keine Hoffnung mehr. O.K., dann feiert mal schön.

Sonntag, 12. September 2010

Beinzange


Tagesbefehl an die Kunstarmee:
Nehmt die affirmative Kunst
in die Beinzange und zerquetscht sie!

Sonntag, 5. September 2010

Betonblumen


(Während die Hindukuschkämpfer in Badakhshan festsitzen, weil Sprengfallen auf der Rückmarschstrecke endeckt wurden, durchstreift der Kunstsoldat fragwürdiges Gelände an der Heimatfront.)


Das Ergebnis ist deprimierend, leider auch ernst zu nehmen: ein fragwürdiges Outfit vor einem schwach beleuchteten Parkplatz, dazu ein spärlicher Konfettiregen über einer Fläche voller Grau sowie ein unscharfes und damit künstlerisch sich ins Beliebige begebendes Bild von einer Dame in desaströs goldenen Strümpfen und silbernen Schuhen. Er hat es einfach nicht gefunden. Alles in dieser Stadt ist neuerlich so erbärmlich geworden. Der Glanz und seine sensiblen Gefährdungen sind verschwunden. Der abgestandene Rest vermeintlich gegenwartsnaher Obzessionen und Subversionen können für den ästhetisch anspruchsvollen Blick eines Kunstsoldaten kein Äquivalent mehr ergeben. Obwohl er die Natürlichkeit der Stadtbewohner noch immer schätzt, scheint jede Detailliebe und auch jedes Farb- und Materialbewusstsein aufgebraucht zu sein. Eine immer hagere Arte Povera im Eingang, am Ausgang und in der Mitte lässt alles aussehen wie zusammengeknüllte Plastiktaschen oder platt getretene Bierdosen oder verwischte Hundehaufen. Die auslaufende Boheme ist eher unterfinanziert, erlernt gerade Reproduktion aus zweiter Hand, behängt sich mit konsumistischer Serienproduktion und hält das unglücklicherweise auch noch für Understatement und Minimalismus, wo sie doch gar keine andere Eingabe mehr hat als auf prekäre Fertigware zu setzen. Das platte visuelle Elend als symbolischer Code eines anständigen und steuerehrlichen Lebens und dabei trotzdem "stylish, weil wir uns anstrengen und sehr kreativ sind". Anderes als Rationalisierungsinseln in einer gleichgeschalteten Scheußlichkeit zu entwerfen, fällt der absteigenden Stadtkultur nicht mehr ein. Aber soll er sich nun aus der egalitären Ödnis auf die Spielwiesen einiger exhibitionistischer Neureicher begeben, nur weil diese vielleicht noch in irgendwelchen abgeschirmten Vierteln irgendwelche perfekt imperfekten Individualitäten reflektieren? Soll er wirklich diese ganze Szenerie der schillernden Unmoral zu einer neuen Ästhetik geschmeidiger Ausschweifigkeit und etikettierter Überhöhung verdichten? Das wäre feiger Verrat an der Klasse und ziemlich peinlich außerdem.

Sonntag, 22. August 2010

Wie einer toten Avantgarde die Business-Kunst erklären?




Avantgarde, Avantgarde, Avantgarde. Die großen Zeiten des Aufbruchs sind schon lange vorbei, und es ist jetzt die Zeit des künstlerischen Durchbeißens. Der Markt beginnt schon wieder zu schwächeln, und zeigt, dass das Leben nicht mehr die Kunst ist, sondern die Kunst das Überleben. Keine Zeit mehr für Madame LeRoy und für Cabaret Voltaire. Letzte Nacht war Saturn-Eröffnung mit Superangeboten für neue digitale Bildbearbeitungsprogramme, und wir sind froh, wenn uns dort kein Blauer Reiter gesehen hat. Private-Wealth Management unterwegs mit Kunden auf der Art Basel, bitte, bitte, kommt doch auch mal zu uns. Wir machen Videos, Performances, zeichnen, singen, schreiben architekturtheoretische Texte und kollektionieren nebenbei auch noch selbst entworfene Anziehsachen. Was wollt ihr denn noch? Oder sollen wir euch schwören, unsere Hyper-Subjektivität, authentischen Selbstreflexionen, unser strukturell hinterfragendes Gelangweiltsein, unsere simultanen bis simulierten Zweifel nur noch in Ton zu modellieren? Herr Tatlin auf seinem Tatlinturm, Herr Schwitter auf seiner Schwittersäule, Herr Malewitsch im Quadrat, sie wenden sich ab, aber die Kunst zur Zeit ist eben nicht das pralle Leben, zur Zeit ist sie prall dagegen. Die Moden, die Preise, die Stimmungsbarometer, der Boom, der Hype, die Spitzenlose, die Abschläge, die Käufe, die Verkäufe und die Notverkäufe realisieren sich kalt, eiskalt. Ein Leben in der Kunst ist etwas für Frierende. -1919. Herr Hausmann will den numerischen Zeitgeist enthüllen und heftet einer Puppe einen schönen Geldbeutel an den Kopf. -1936. Mondäne Damen schlürfen Austern und Champagner, Frau Oppenheim serviert das Frühstück im Pelz. -1965. Männer mit dicken Zigarren proben den Nachkriegswohlstand und Herr Beuys erklärt einem toten Hasen die Kunst. Heilige Avantgarde, habt ihr etwa schon geahnt, was jetzt kommt?



(Folglich können wir die Antwort sparen. Die Avantgarde denkt und schweigt.)

Sonntag, 15. August 2010

Zurück zur Linie


Tagesbefehl an die Kunstarmee:
Zurück zur Linie!